Emerging Disruptive Technologies

Die militärische Rolle von Spitzentechnologie

Die Rolle, die Spitzentechnologie im militärischen Diskurs spielt, ist nicht eindeutig: Selbst die modernste Technologie allein entscheidet keine Konflikte und ist ohne geeignete Strategien und gut ausgebildete Soldat*innen oft von geringer Bedeutung. Dennoch gibt es im militärischen Bereich einen ständigen Wettlauf um die neuesten erfolgreichen Technologien. Einige aktuelle und zukünftige Trends in der Militärtechnologie gelten als aufkommend und/oder disruptiv – das heißt, sie werden als neuartig wahrgenommen, ihre Auswirkungen sind unbekannt und/oder sie gelten als fähig, bisherige Machtstrukturen umzustürzen und könnten es schwächeren Herausforderern ermöglichen, die Streitkräfte zuvor stärkerer Akteure durch Innovationen zu überholen.

Zu den in diesem Zusammenhang häufig genannten Technologien gehören: Hyperschallraketen, Militärrobotik, ferngesteuerte sowie (halb-)autonome Waffensysteme, Nanotechnologie, verschiedene Formen der menschlichen Leistungssteigerung, offensive und defensive Cybermittel, militärisch genutzte künstliche Intelligenz (KI) und maschinelles Lernen sowie sogar der militärische Einsatz von Quantencomputern.

Künstliche Intelligenz wird rasch in die Streitkräfte integriert, insbesondere in Systeme, die kritische Entscheidungsfunktionen wie Zielidentifizierung, Bedrohungsbewertung und Gefechtsführung unterstützen oder sogar ausführen, sowie in zunehmend autonome und halbautonome Waffenplattformen. Diese Entwicklung birgt erhebliche Risiken: Die KI-getriebene Beschleunigung des Einsatzrhythmus kann die Entscheidungszeit auf Maschinengeschwindigkeit verkürzen und damit die sinnvolle menschliche Kontrolle untergraben, während der „Black-Box“-Charakter komplexer Modelle des maschinellen Lernens die Rechenschaftspflicht, Vorhersehbarkeit und (rechtliche) Aufsicht erschwert. Gleichzeitig bietet KI erhebliche Chancen für die Rüstungskontrolle und -verifikation, wie beispielsweise die automatisierte Erkennung von Anomalien in großen Datensätzen oder die verbesserte Überwachung von Compliance-Aktivitäten durch die Automatisierung der Analyse von Verifikationsüberwachungsdaten, wodurch die technischen Grundlagen für künftige Verifikationsregime geschaffen werden.

Die Quantentechnologie schreitet voran, obwohl weiterhin Unsicherheit hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit in großem Maßstab besteht; dennoch wären ihre potenziellen Auswirkungen insbesondere auf die Kryptografie – eine technische Säule der IT sowie der Informationssicherheit und -integrität – tiefgreifend, sollte sich eine robuste und skalierbare Umsetzung als machbar erweisen. Insbesondere das Quantencomputing stellt eine systemische Bedrohung für bestehende kryptografische Standards dar, da viele weit verbreitete Verschlüsselungsverfahren auf mathematischen Problemen beruhen, die für klassische Computer rechnerisch unlösbar sind, auf ausreichend leistungsfähigen Quantencomputern jedoch effizient gelöst werden könnten, wodurch die Sicherheit der (militärischen) Kommunikation und strategischer Kommandostrukturen selbst bei älteren, geheimen Informationen untergraben würde. Umgekehrt könnten quantenkryptografische Ansätze wie die Quantenschlüsselverteilung grundlegend neue Möglichkeiten für sichere Kommunikation schaffen, obwohl ihr Einsatz kostspielige und technisch anspruchsvolle Infrastrukturen erfordern würde, darunter spezielle Netzwerke zur Übertragung von Quantenzuständen und spezialisierte Hardwaresysteme.

Halbleiter und KI-Hardware

Der Halbleitersektor – insbesondere fortschrittliche KI-Chips und spezialisierte Hardware wie Beschleuniger, Speicher- oder Netzwerktechnologie – entwickelt sich zu einem entscheidenden Motor für militärische Innovationen, da Staaten zunehmend auf Hochleistungsrechner für autonome Systeme, Geheimdienstanalysen, Cyberoperationen und Entscheidungshilfetools setzen und damit das Design und die Fertigung modernster Chips zu strategischen Vermögenswerten erheben. Dieser Trend birgt erhebliche Sicherheitsrisiken: Die Konzentration der Lieferketten, Exportkontrollen als politisches Druckmittel und technologische Engpässe können geopolitische Rivalitäten verschärfen, während ein ungleicher Zugang zu fortschrittlicher KI-Hardware die Lücken in den militärischen Fähigkeiten vergrößern und den Wettbewerb um die technologische Vorherrschaft verschärfen könnte. Gleichzeitig schafft die geopolitische Zentralität der Halbleiterproduktion neue Möglichkeiten für strategischen politischen Einfluss, vertrauensbildende Maßnahmen und kooperative Governance-Rahmenwerke, da die gegenseitige Abhängigkeit in den Bereichen Design, Fertigung und Materialzugang Anreize für Transparenzmaßnahmen, multilaterale Koordination und gezielte Regelungen schaffen könnte, die darauf abzielen, den Wettbewerb in kritischen Technologiebereichen zu stabilisieren.

Christian Reuter

Prof. Dr. Dr. Christian Reuter
Forschungsgruppenleiter

Niklas Schörnig

Dr. Niklas Schörnig
Forschungsgruppenleiter

Thomas Reinhold

Dr. Thomas Reinhold
Wissenschaftlicher Mitarbeiter

Liska Suckau

Liska Suckau
Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Abdullah Kasim Korkusuz
Studentische Hilfskraft

Die Forschungsgruppe

Das Ziel der Friedensforschung war schon immer, frühzeitig zu erkennen, welche Militärtechnologien besonders problematisch sind, weil sie Instabilität verschärfen oder gegen internationales Recht und ethische Standards verstoßen, und durch Rüstungskontrolle frühzeitig Leitlinien oder Grenzen für diese Technologien festzulegen. In diesem Sinne konzentriert sich die Forschungsgruppe „Emerging Disruptive Technologies“ auf drei zentrale Fragen:

  1. Welche neuen Technologien werden für künftige militärische Operationen relevanter sein, welche weniger, und in welcher Form (Analyse technologischer Trends), und welche könnten so disruptiv oder problematisch sein, dass sie aus ethischen, rechtlichen oder sicherheitspolitischen Gründen reguliert werden müssen?
  2. Wie müssen Verifizierungsmaßnahmen gestaltet sein, um eine wirksame Kontrolle moderner Militärtechnologien zu ermöglichen?
  3. Wie können neue Technologien selbst dazu beitragen, zuverlässigere Rüstungskontroll- und Verifizierungsmaßnahmen zu entwickeln?

Um fundierte Antworten zu erhalten, (1) beobachtet die Gruppe technische Trends, (2) bewertet die Gefährlichkeit von Technologien, (3) identifiziert maßgeschneiderte Verifizierungsmechanismen und (4) entwickelt Ansätze zur Nutzung dieser Technologien.

Zu diesem Zweck verfolgt die Gruppe einen interdisziplinären Forschungsansatz, der Politikwissenschaft mit den technischen Wissenschaften verbindet. Nur durch die Kombination verschiedener Perspektiven lässt sich beantworten, was politisch erreicht werden kann (und mit welchen Akteuren), wo technologische Fallstricke liegen und wie diese überwunden werden können – möglicherweise durch die Technologie selbst.

Während beispielsweise der Einsatz von KI in Waffensystemen den Menschen aus kritischen Entscheidungsprozessen wie der Zielauswahl oder dem Feuerbefehl verdrängen kann und der Einsatz von Autonomie bei entscheidenden Funktionen Staaten angeblich einen erheblichen militärischen Vorteil verschafft, bleibt die Frage offen, wie KI in Waffensystemen kontrolliert werden kann. Allerdings kann KI unter bestimmten Bedingungen auch dazu beitragen, die Rüstungskontrolle effektiver und objektiver zu gestalten, etwa bei der Auswertung von Bildmaterial aus Inspektionen oder bei der Unterscheidung zwischen einem seismischen Ereignis und einem Atomwaffentest. Genau diesen Spannungsbereich wird die neue Forschungsgruppe am PRIF als ihre Kernaufgabe untersuchen.

Forschungsprojekte

Einblicke in die Verteidigung

Der IT-Spezialist Thomas Reinhold und der Politikwissenschaftler Niklas Schörnig nutzen künstliche Intelligenz, um Stellenanzeigen von Rüstungsunternehmen und staatlichen Rüstungszulieferern in verschiedenen Ländern zu analysieren und so einen besseren Einblick in aktuelle technologische Trends auf industrieller Ebene zu gewinnen. Zu diesem Zweck hat Thomas Reinhold eine Softwareanwendung entwickelt, die mithilfe künstlicher Intelligenz Anzeigen übersetzt, auswertet und für die technologische Analyse durch Menschen aufbereitet.

Handelsübliche Technologien

Die Maschinenbauingenieurin und Politikwissenschaftlerin Liska Suckau beschäftigt sich mit dem Verständnis militärischer Innovationen, also dem Prozess der Entwicklung und Einführung von Technologien im militärischen Bereich, um politische Empfehlungen zu erarbeiten, die sich an den technischen Gegebenheiten vor Ort orientieren und weniger an überhöhten Erwartungen. Der Schwerpunkt ihrer Dissertation liegt insbesondere auf handelsüblichen Technologien und deren Auswirkungen auf Gewalt. Darüber hinaus widmet sie sich intensiv den Bereichen Hardware-Design und Robotik, additiver Fertigung sowie unbemannten Bodenfahrzeugen (UGVs), um deren Auswirkungen auf Krieg und Sicherheit sowie die Prozesse militärischer Innovation im weiteren Sinne zu untersuchen.

Technologiepräferenzen in Strategiepapieren

Die Gruppe befasst sich insgesamt mit der Erstellung und Analyse eines Datenkorpus, das aus nationalen Militärstrategien mit technologischem Schwerpunkt besteht, in denen die Innovation, Forschung und Entwicklung militärischer Fähigkeiten ausgewählter Staaten behandelt werden. Derzeit umfasst die Stichprobe sechs Staaten (Deutschland, USA, Großbritannien, Japan, Australien und die Türkei), deren militärwissenschaftliche und technologische Strategien nach 2015 analysiert werden, indem die in diesen Strategien erwähnten Technologien nach einem breit angelegten Kodierungsschema mit verschiedenen technischen Kategorien annotiert werden. Ziel des Projekts ist es, einen Überblick über nationale technische Präferenzen zu geben, Muster über Raum und Zeit hinweg zu identifizieren und insgesamt ein besseres Verständnis für die Entwicklung in der militärischen Forschung und Entwicklung zu gewinnen.

Publikationen


Buchkapitel von Christian Reuter, Jürgen Scheffran & Manuel Kreutle



CNTR Monitor 2025 - Trends: Drohnen

CNTR Monitor 2025 - Fokus: Künstliche Intelligenz

CNTR Monitor 2025 - Fokus: Künstliche Intelligenz



Technological Forecasting and Social Change - An international journal
Artikel von Thomas Reinhold, Jonas Franken, Timon Dörnfeld und Christian Reuter

Projektpartner